Drei Worte, die Unternehmen teuer kommen: „Geht schon noch.“
Warum ausgerechnet die loyalsten Mitarbeiter zum unterschätzten Unternehmensrisiko werden können.
„Geht schon noch“ klingt nach Einsatz. Aktuelle Zahlen aus Österreich zeigen, wie eng Arbeitsdruck und Arbeiten trotz Krankheit zusammenhängen und warum gerade loyale Mitarbeiter zum unterschätzten Risiko werden können.
WeiterlesenWeniger anzeigen
„Geht schon noch.“
Drei Worte, die im Arbeitsalltag häufig als Zeichen von Belastbarkeit und Engagement verstanden werden. Schließlich läuft der Betrieb, die Aufgaben werden erledigt und die Ergebnisse stimmen.
Doch wie viel kostet es ein Unternehmen, wenn seine Mitarbeiter dauerhaft mehr leisten, als ihnen guttut?
Wenn Loyalität zur Belastung wird
Menschen mit einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein übernehmen Aufgaben, auch wenn ihre Kapazitäten längst ausgeschöpft sind. Ihr Pflichtbewusstsein lässt sie weitermachen, weil sie ihre Kollegen nicht im Stich lassen wollen. Und ihre Loyalität gegenüber dem Unternehmen führt dazu, dass sie zusätzliche Belastungen über längere Zeit mittragen.
Diese Eigenschaften sind für Unternehmen ausgesprochen wertvoll.
Problematisch wird es, wenn aus freiwilligem Engagement eine dauerhafte Erwartung entsteht. Wenn zusätzliche Aufgaben nicht mehr als Ausnahme gelten, sondern selbstverständlich werden. Und wenn Verlässlichkeit mit unbegrenzter Belastbarkeit verwechselt wird.
Wie stark dieses Pflichtgefühl wirken kann, zeigt eine 2025 veröffentlichte Untersuchung der Arbeiterkammer Oberösterreich: 57,3 Prozent der Befragten, die trotz Krankheit gearbeitet hatten, nannten ihr Pflichtgefühl gegenüber Kollegen als Grund. 39,3 Prozent wollten vermeiden, dass ihre Arbeit liegen bleibt, und 39 Prozent gaben an, dass keine Vertretung vorhanden war.
Was Unternehmen als besondere Einsatzbereitschaft schätzen, kann unter ungünstigen Bedingungen zur gesundheitlichen und wirtschaftlichen Belastung werden.
Was die Zahlen aus Österreich zeigen
Die aktuellen Untersuchungen der Arbeiterkammer Oberösterreich und des WIFO zeigen, dass Arbeitsdruck und gesundheitliche Einschränkungen längst wirtschaftlich relevante Dimensionen erreicht haben.
Laut dem österreichweiten Arbeitsklima Index haben 65 Prozent der Beschäftigten im Jahr 2025 innerhalb von sechs Monaten zumindest einmal trotz gesundheitlicher Einschränkungen gearbeitet. 2024 waren es 62 Prozent.
Die Arbeiterkammer Oberösterreich veröffentlichte im Juli 2026 weitere Ergebnisse: 72 Prozent der oberösterreichischen Beschäftigten berichteten, 2025 trotz Krankheit gearbeitet zu haben.
Besonders auffällig ist der Zusammenhang mit Arbeitsdruck. Unter den stark belasteten Beschäftigten lag dieser Anteil bei 94 Prozent, während es bei geringer oder keiner Belastung 66 Prozent waren.
Das bedeutet einen Unterschied von 28 Prozentpunkten. Die Zahlen belegen zwar keinen unmittelbaren Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, zeigen aber deutlich, wie eng Arbeitsdruck und das Arbeiten trotz Krankheit miteinander verbunden sind.
Auch die Folgen werden sichtbar. In der oberösterreichischen Untersuchung berichteten 45 Prozent, dass sie sich öfter abgeschlagen fühlten. 29 Prozent waren bei der Arbeit unkonzentriert und 22 Prozent gaben an, durch das Arbeiten trotz Krankheit länger krank gewesen zu sein als notwendig.
Diese Ergebnisse machen deutlich, dass gesundheitliche Belastungen nicht erst dann zum betrieblichen Problem werden, wenn Mitarbeiter ausfallen.
Die Kosten beginnen lange vor dem Krankenstand
Ein Mitarbeiter muss nicht krankgeschrieben sein, damit ein Unternehmen bereits Leistung verliert.
Wer dauerhaft unter hoher Belastung arbeitet, kann Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren, Entscheidungen zu treffen oder nach der Arbeit ausreichend zu regenerieren.
Dieses Phänomen wird im Zusammenhang mit Präsentismus diskutiert: Menschen arbeiten trotz gesundheitlicher Einschränkungen weiter, obwohl ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sein kann.
Für Unternehmen können daraus Fehler, Qualitätsverluste, Verzögerungen und zusätzliche Belastungen für Kollegen entstehen.
Anwesenheit ist eben nicht gleich Leistungsfähigkeit.
Die wirtschaftlichen Folgen sind häufig schwerer zu erkennen als Krankenstandstage. Denn während Fehlzeiten dokumentiert werden, bleiben Leistungseinbußen anwesender Mitarbeiter in betrieblichen Kennzahlen oft verborgen.
Wie groß die wirtschaftliche Bedeutung von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit ist, zeigen die Berechnungen des WIFO.
Im Fehlzeitenreport 2026 werden für das Berechnungsjahr 2024 direkte Krankenstandskosten von rund 6 Milliarden Euro durch Entgeltfortzahlung und Krankengeld ausgewiesen. Hinzu kommen geschätzte Wertschöpfungsverluste von bis zu 8,8 Milliarden Euro.
Für das Jahr 2025 weist der Report außerdem einen Verlust von 4,0 Prozent der Jahresarbeitszeit durch krankheitsbedingte Fehlzeiten aus.
Diese Zahlen beziehen sich auf sämtliche Erkrankungen, nicht ausschließlich auf psychische Belastungen. Sie verdeutlichen jedoch die wirtschaftliche Tragweite gesundheitlich bedingter Leistungsausfälle.
Und sie zeigen nur einen Teil der möglichen Kosten. Denn die Auswirkungen von Präsentismus sind darin nicht vollständig erfasst.
Für Unternehmen stellt sich deshalb nicht nur die Frage, was ein Krankenstand kostet. Sondern auch, welche Leistung bereits verloren geht, bevor ein Mitarbeiter überhaupt ausfällt.
Verantwortung endet nicht beim Mitarbeiter
Natürlich trägt jeder Mensch Verantwortung für seine eigene Gesundheit. Doch Unternehmen können diese Verantwortung nicht vollständig auf ihre Mitarbeiter übertragen.
Die österreichische Gesetzgebung berücksichtigt das längst.
Seit 2013 sind Arbeitgeber im Rahmen des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes verpflichtet, auch psychische Belastungen bei der Arbeit in die Arbeitsplatzevaluierung einzubeziehen.
Dabei geht es nicht darum, die psychische Verfassung einzelner Mitarbeiter zu beurteilen. Untersucht werden die Arbeitsbedingungen selbst: Arbeitsorganisation, Aufgabenverteilung, Arbeitsumgebung, Kommunikation und Führung.
Denn nicht jede Belastung lässt sich durch mehr persönliche Widerstandskraft ausgleichen.
Wenn Personalmangel, ständige Unterbrechungen, unklare Zuständigkeiten oder dauerhaft hoher Zeitdruck den Arbeitsalltag bestimmen, braucht es Veränderungen an den Arbeitsbedingungen.
Ein Resilienztraining kann Menschen unterstützen. Es ersetzt aber keine gesunde Arbeitsorganisation.
Wer rechtzeitig in gesunde Arbeitsbedingungen investiert, schafft die Voraussetzungen dafür, dass aus vermeidbaren Belastungen keine langfristigen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Probleme entstehen.
Was Unternehmen früher erkennen sollten
Ein einzelnes „Geht schon noch“ ist noch kein Warnsignal.
Wenn jedoch regelmäßig dieselben Menschen einspringen, Überstunden zur Normalität werden und Aufgaben nur noch durch zusätzlichen persönlichen Einsatz bewältigt werden können, lohnt sich ein genauer Blick.
Wie verteilen sich Verantwortung und Arbeitsbelastung tatsächlich? Welche Erwartungen sind unausgesprochen entstanden? Und haben Mitarbeiter überhaupt die Möglichkeit, ihre Belastungsgrenzen anzusprechen, ohne als weniger engagiert zu gelten?
Eine fundierte Evaluierung psychischer Belastungen, regelmäßige Gespräche und eine Führungskultur, in der Belastungen offen angesprochen werden können, schaffen dafür die Grundlage.
Entscheidend ist allerdings, dass aus den Erkenntnissen konkrete Veränderungen entstehen.
Das kann eine bessere Aufgabenverteilung sein, die Überprüfung von Arbeitsabläufen, die Entlastung von Führungskräften oder eine gezielte Verbesserung der Zusammenarbeit.
Wirksame Prävention beginnt nicht erst dort, wo Menschen ausfallen. Sie beginnt dort, wo Belastungen erkannt werden und noch rechtzeitig verändert werden können.
Für Unternehmen bedeutet das, Belastungsfaktoren systematisch zu erkennen, geeignete Maßnahmen abzuleiten und deren Wirksamkeit regelmäßig zu überprüfen.
Betriebliches Gesundheitsmanagement sollte deshalb nicht erst beginnen, wenn Fehlzeiten steigen oder wertvolle Mitarbeiter das Unternehmen verlassen.
Loyalität braucht gesunde Rahmenbedingungen
Unternehmen brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen, sich engagieren und auch in anspruchsvollen Situationen verlässlich bleiben.
Aber sie brauchen diese Menschen nicht nur heute. Sondern auch morgen, nächstes Jahr und darüber hinaus.
Deshalb ist es wirtschaftlich sinnvoll, nicht ausschließlich auf Leistung und Ergebnisse zu schauen, sondern ebenso auf die Bedingungen, unter denen diese Leistung entsteht.
Frühzeitiges Gegensteuern ist dabei weit mehr als eine Maßnahme zur Gesundheitsförderung. Es ist eine unternehmerische Entscheidung, die dazu beitragen kann, Fehlzeiten zu reduzieren, Produktivität zu sichern, Mitarbeiter zu binden und wertvolles Erfahrungswissen im Unternehmen zu halten.
Die österreichischen Untersuchungen machen deutlich, wie eng Arbeitsdruck, Pflichtbewusstsein und das Arbeiten trotz Krankheit miteinander verbunden sein können.
Wer sich auf das Verantwortungsbewusstsein seiner Mitarbeiter verlässt, muss auch Verantwortung für deren Arbeitsbedingungen übernehmen.
Denn die entscheidende Frage ist nicht, wie lange jemand noch durchhält.
Sondern warum ein Unternehmen wartet, bis aus einem „Geht schon noch“ ein kostspieliges „Es geht nicht mehr“ wird.
Psychologische Beratung für gesunde Arbeitswelten
Ich begleite Unternehmen dabei, psychische Belastungen im Arbeitsalltag frühzeitig zu erkennen, gesunde Arbeitsbedingungen zu fördern und die langfristige Arbeitsfähigkeit ihrer Mitarbeiter zu stärken.
Ob durch die Evaluierung psychischer Belastungen, betriebliches Gesundheitsmanagement oder die Beratung von Führungskräften und Teams: Ziel ist es, rechtzeitig wirksame Maßnahmen zu setzen, bevor vermeidbare Belastungen zu gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen führen.
Red’ma drüber.Regina Spindler
Quellen
- Arbeiterkammer Oberösterreich, Arbeitsklima Index 2026: Präsentismus und Arbeitsbelastungen, Daten 2024/2025.
- Arbeiterkammer Oberösterreich, Juli 2025: Untersuchung zu Pflichtgefühl und Arbeiten trotz Krankheit.
- Arbeiterkammer Oberösterreich, Juli 2026: Präsentismus, Arbeitsdruck und gesundheitliche Folgen.
- WIFO, Fehlzeitenreport 2026: Krankenstandsdaten 2025 und wirtschaftliche Berechnungen für 2024.
- Österreichische Arbeitsinspektion: Arbeitsplatzevaluierung psychischer Belastungen gemäß ArbeitnehmerInnenschutzgesetz.
Sie möchten darüber sprechen?Im Erstgespräch schauen wir gemeinsam auf Ihre Situation.
Gespräch vereinbaren